Am 18. Juni 1946 in Boliqueime im Algarve geboren, ist Lídia Jorge heute die bedeutendste lebende Schriftstellerin Portugals. Ihre Bücher sind immer autobiographisch, niemals aber Autobiographie – stets Annäherung an die Wirklichkeit, sind sie dennoch nicht ihr Abbild.

 In der Zeit des portugiesischen Kolonialkriegs hielt sie sich zwischen 1969 und 1974 in Angola und Mosambik auf – eine Erfahrung, die sie später in ihrem Werk verarbeiten sollte. 1979 erschien ihr erster Roman *O Dia dos Prodígios* (dt. *Der Tag der Wunder*), der zu den Hauptwerken der portugiesischen Literatur nach der Nelkenrevolution zählt.

 Ihr Werk kreist um die großen Wunden Portugals: Kolonialismus, Diktatur, Demokratie, Heimatverlust. In *A Costa dos Murmúrios* (dt. *Die Küste des Raunens*, 1988) durchlebt eine Frau rückblickend die Zeit als Offiziersgattin in Mosambik – und die Erfahrung latenter Gewalt, die den Kolonialkrieg durchzieht. *Os Memoráveis* (2014) ist ein Resümee der Revolution und des steinigen Wegs in die Demokratie.

 Die Auszeichnungen sind so zahlreich wie verdient: 2006 gewann sie den Albatros-Preis der Günter-Grass-Stiftung, 2015 den Großen Portugiesisch-Spanischen Kulturpreis, und ihr Roman *Erbarmen* wurde 2023 mit dem Prix Médicis étranger geehrt. 2021 nahm sie eine Professur an der Universität Genf an, 2022 folgte die Einrichtung eines Lídia-Jorge-Lehrstuhls an der University of Massachusetts Amherst. Am 28. Juli 2026 soll ihr der österreichische Staatspreis überreicht werden.

Achtzig Jahre, und kein bisschen leiser. „Ich schreibe aus Instinkt. Wie im Leben. Ohne Netz und ohne Deckung", sagt sie selbst. Genau das spürt man auf jeder Seite.                                                                                                                                                                                             

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